Freimaurer und heikle Themen: Was hätte Bruder Franz getan?

Liberté Cherie – CoverAufmarsch von HoGeSa, PEGIDA, Salafisten, Linksextremisten und gemäßigten Gegendemonstranten in Wuppertal. Fast zeitgleich hatte ich mein Rezensionsexemplar von »Liberté Cherie« fertig gelesen, über die Gründung der gleichnamigen Freimaurer-Loge durch Insassen des KZs Esterwegen. Ein erschütternder Bericht von Bruder Franz Bridoux’ aus Belgien*. Schon das Vorwort hatte mich nachdenklich gemacht:

»An den freien Menschen! Dir ist dieses Werk gewidmet. Es erklärt und sagt in einfachen Worten wieder und wieder, dass die Freiheit kein Geschenk des Himmels ist, dass sie Dir nicht zusteht, dass Du kein Anrecht auf sie hast, dass sie kein unveränderlicher Zustand ist. Sie muss Tag für Tag verdient und gewonnen werden; sie muss verteidigt und beschützt werden, denn sie ist zerbrechlich wie ein Kristall. Wenn Du nicht auf sie achtest, löst sie sich auf, noch bevor Du auch nur einen Finger gerührt oder ein Wort gesagt hast. Und wenn Du diesen Schatz verloren hast, siehst Du, dass sich der Mensch wie ein wildes grausames Tier verhalten kann. Der Mensch wird zum Wolf unter Wölfen – oder nein, nicht so. Das wäre nicht recht … dem Wolf gegenüber, der weniger grausam ist als man sagt, während wir Menschen zu unbegrenzter Grausamkeit fähig sind. Unsere Pflicht als Menschen, erst recht als Freimaurer, ist es, wachsam zu sein. Das Untier schläft ja nur, vollgefressen mit Tragödien und Toten. Es steht wieder auf, irgendwo, irgendwann. Wenn wir es nicht schon beim Erwachen niederkämpfen, wächst es mit rasender Geschwindigkeit zu einem vielköpfigen Ungeheuer heran, jedes Gesicht scheußlicher als das andere. Täuschen wir uns nicht. (…) Doch beginnen wir bei uns selbst – das ist ein Anfang.«

Bei uns selbst beginnen? Sicherlich leichter gesagt, als getan! Ich war beim großen Demo-Samstag in Wuppertal jedenfalls nicht auf der Straße, um für oder gegen irgendwas oder irgendwen zu demonstrieren. Aber wenn – und dieser Gedanke war für mich zunächst gewöhnungsbedürftig – dann hätte ich dort womöglich sogar dem ein oder anderen Bruder gegenüber gestanden. Denn (obwohl eher Ausnahme als Regel): Es gibt auch unter Freimaurern Brüder mit Sympathien für PEGIDA und HoGeSa. Oder sollte ich vielleicht versöhnlicher schreiben: Mit Ängsten vor Überfremdung oder Islamisierung? Angst macht halt vor niemandem Halt.

Ich habe in den letzten Wochen miterlebt, wie solchen Brüdern andere Brüder bei Facebook vereinzelt die »Freundschaft« gekündigt haben. Als eine Art »Null-Toleranz-Strategie«. Sicherlich ein Zeichen. Auch ich habe mich schon dabei ertappt, bei einem Härtefall zumindest bereits auf »ignorieren« geklickt zu haben.

Nach der Lektüre von »Liberté Cherie« frage ich mich aber: Wie hätte wohl Bruder Franz Bridoux reagiert? Hätte auch er solche »Freundschaften« gekündigt? Auf »ignorieren« geklickt? Oder hätte er unermüdlich den Dialog gesucht? Versucht, als Freimaurer auch unter Freimauern Brücken zu bauen, statt Gräben zu ziehen? Kann man nicht auch im Gespräch bleiben und »null Toleranz« zeigen? Wie um alles in der Welt hätte Bruder Franz reagiert?

Ich weiß es nicht und habe daher diese Frage anderen Brüdern im Rahmen eines freimaurerischen Kerzengesprächs gestellt. Und zu meinem Erstaunen wurde die Frage von manchen als womöglich zu politisch oder religiös für die Freimaurerei empfunden. Streitgespräche über Politik und Religion sollten ja nach den sog. »Alten Pflichten« in Logen traditionell möglichst ausgeklammert bleiben, um die sensible freimaurerische »Einheit in Vielfalt« nicht zu gefährden bzw. um ein Miteinander wenigstens in den Logen etwas einfacher zu machen, als es in der wirren Welt da draußen ist.

Zugegeben: Man kann die Frage »Was hätte Bruder Franz getan?« politisch oder religiös auffassen. Es handelt sich immerhin (auch für mich) um Reizthemen, die mich auf diese Frage gebracht haben. Und wenn man die Frage politisch oder religiös beantworten will, wird’s wirklich heikel. Aber eigentlich war die Frage gar nicht politisch oder religiös gemeint. Eigentlich ging es mir um etwas ganz Alltägliches:

Wie geht man am besten mit etwas um, das einem missfällt, das einen beunruhigt?

Das ist es, was mich als Freimaurer zunächst einmal hauptsächlich interessiert, um so, wie im »Liberté Cherie«-Vorwort gefordert, »bei mir beginnen« zu können.

Eines ist mir nämlich inzwischen klar geworden:
Es ist leicht, in der virtuellen Welt auszublenden, was einem nicht ›gefällt‹. Bis, ja: Bis es irgendwann in der realen Welt ›vor deiner Tür‹ steht.
So wie kürzlich.
Bei mir um die Ecke.
In Wuppertal.

–––

Und?! Was glaubt ihr? Was hätte Bruder Franz getan?

 

[*zur Klarstellung entgegen evtl. anders lautender Angaben: Franz Bridoux lebt/ist nicht verstorben!]


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von freimaurer.online | Kategorien: Freimaurer 2.0, Kritisches und Kritik, Maurerwort-Kolumne | Schlagwörter: , , | 12 Kommentare

Kommentare (12)

  1. Pingback: Freimaurer und heikle Themen: Was hätte Bruder Franz getan? | Masoneria357

  2. Schon der zitierte Einleitungstext des Buches lies mir eine Gänsehaut entstehen. Es rührt mich immer an, wenn Menschen, die Unrechtsregime am eigenen Leib erlitten haben, über Werte wie Freiheit schreiben. Irgendwie haben solche Menschen für mich nochmal eine ganz andere Authorität über solche Themen zu schreiben.

    Ich kann Deine Konfliktlinie, was das Verbot der Streitgespräche über Politik in der Loge angeht, nachvollziehen. Und auch ich kann mich da zu keinem eindeutigen Schwarz-Weiß-Standpunkt durchringen.

    Natürlich ist die von Dir beschriebene „Einheit in Vielfalt“ des Freimaurertums ein hohes Gut, mit dem jeder Freimaurer sorgsam und achtsam umzugehen hat. Vielleicht ist es sogar einer der freimaurerischen Markenkerne. Es gibt keine Themen, die geeigneter dafür wären, brüderliche Einheit kaputt zu stören, als die Themen Religion und Politik.

    Aber die Fragen, die in mir aufstiegen, als ich Deinen Artikel las, waren:
    – „Wann ist der Punkt erreicht, an dem man sich als Freimaurer nicht mehr dahinter verstecken darf, dass politische Streitgespräche in der Loge nichts zu suchen haben? Ab wann verkommt dieses sinnvolle und notwendige Verbot zur Ignoranz der Umwelt gegenüber?“
    – „Und wer kann in einer Gesellschaft, die Gefahr läuft ihre freiheitlichen Grundwerte zu vergessen, den Unterschied machen, wenn nicht der Freimaurer?“

    Eine Antwort auf diese Fragen habe ich nicht. Und ich glaube, eine Antwort auf diese Frage, muss jeder Freimaurer für sich selbst finden.

    Danke, mein lieber Phil, für diesen mehr als wertvollen Impuls!

  3. Nun mag man von Pegida halten was man will, ich habe z. B. an der Demo in Wuppertal teilgenommen, doch was niemandem egal sein kann, ist, wie inzwischen in diesem Land gerade von vermeintlich Toleranten mit Menschen umgegangen wird, die nicht der eigenen Meinung sind. Zu einer funktionierenden Demokratie gehört Meinungsfreiheit und vollständige Information. Bruder Franz Bridoux sagt: „… Unsere Pflicht als Menschen, erst recht als Freimaurer, ist es, wachsam zu sein. …“.
    Zur Freimaurerei gehört, dass jeder Freimaurer in einer unauflöslichen Verbindung zur Freimaurerei im allgemeinen und zu jedem Bruder im besonderen steht. Wer da „Zeichen setzet“ und Mitbrüdern die „Freundschaft“ kündigt, der muss sich fragen lassen, ob er nur rein äußerlich Freimaurer sein will.

  4. „Zu einer funktionierenden Demokratie gehört Meinungsfreiheit und vollständige Information.“ Gilt das uneingeschränkt? Ich denke nicht, auch nicht in der Freimaurerei. Wenn Freiheit, die des Andersdenkenden ist, dann wird mit diesem Satz auch eine notwendige Grenze definiert. Eine Gesellschaft, welche den Gegnern der offenen Gesellschaft uneingeschränkte Freiheit lässt schafft sich im Ergebnis selbst ab. Wenn Menschen, ob Brüder oder nicht, Beiträge „liken“ in denen zum Hass aufgestachelt wird, in denen (auch das gab es schon), der Mord an einem Finanzbeamten verständnisvoll kommentiert wird; wenn ein Bericht über brennende Moscheen mit dem Kommentar versehen wird „Endlich, wir schlagen zurück!“ , dann glaube ich wird eine Grenze überschritten. Und diese Grenzüberschreitung, so sie bewusst passiert, führt dazu, dass ich den entsprechenden „Entfreunde“, mag er Bruder sein oder nicht. Auch der Massenmörder in Norwegen trug einen Schurz, die GL hat ihn ausgeschlossen, aus meiner Sicht zurecht.

    Geht in die Welt und bewährt euch als Freimaurer.

  5. Sehr geehrter Herr Militz,

    als ich gelesen habe, dass „viele“ der Brüder Ihrer Loge das Thema Pegida & Co. als „zu politisch“ empfinden, hat mich das sprachlos gemacht.
    Ja, sicher ist es verpönt, innerhalb der Loge über parteipolitische Dinge zu sprechen. Die Diskussion darüber, wer in der bundesdeutschen Parteienlandschaft am besten geeignet ist, anstehende Probleme zu lösen, gehört nicht in eine Loge, ganz klar.
    Aber Pegida ist keine Partei, sondern ein Verein (oder so etwas ähnliches), der gesellschaftliche Strömungen sammelt und kanalisiert. Und gesellschaftliche Themen gehören sehr wohl in die Loge. Von daher kann ist dieses Statement Ihrer Brüder für mich so nicht nachvollziehbar.
    Eine Vermutung zum Hintergrund wäre, dass jene Brüder Angst haben, sich mit dieser Thematik auseinander zu setzen. Immerhin müsste man sich dann mit den eigenen Gedanken zu diesen Dingen beschäftigen und ausloten, wo man selbst gedanklich steht. Das löst womöglich Ängste aus. Da hilft nur eine gründliche und ehrliche Selbstklärung; Zeit, mal wieder in sich zu schauen.

    Ich war zwar nicht in Wuppertal gewesen, habe aber an mehreren Veranstaltungen von „NO Bragida“ in Braunschweig teilgenommen. Es war laut, bunt und intensiv. Es war aufregend, den Vermummten von Bragida bis auf einen Steinwurf nahe zu kommen, getrennt nur durch berittene Polizei. Aber es war meins, und es hat gut getan.
    Wenn Sie jemanden zum Austauschen suchen, Herr Militz, klingeln Sie einfach durch, die Mail-Addi haben Sie ja. Es gibt Menschen, die sind etwas chilliger drauf, was das Ansprechen von gesellschaftlichen Strömungen angeht.

    Beste Grüße aus dem Norden!

  6. Zu Wuppertal kann ich nichts sagen. Auch weiß ich nicht was Herr Bridoux gesagt hätte, zumal ich (noch) kein Bruder sondern erst Suchender bin. Aber für mich hört die Toleranz auf wenn Gewalt angewendet wird. Ich selbst bin Vater einer der Einsatzbeamten die unlängst in Frankfurt eingesetzt wurden. Er war einer der
    verletzten Polizisten -Gott sei Dank- nur leicht verletzt. Aber ich kann Ihnen versichern: Da sieht man die Tagesschau schon sehr viel intensiver.
    Viele Grüße
    Shorty

  7. Ich habe bei diesen Diskussionen ab und zu das Gefühl, daß Werturteile von Menschen durch die Strukturen, in denen sie agieren, bestimmt werden. Wenn von hier Freimaurerei und Logenwirklichkeit die Rede ist, dann leuchtet für mich als Nichtfreimaurerin der Dreiklang „Weisheit, Stärke, Schönheit“ hervor. Ist es nicht das, was in der Freimaurerei Bedeutung hat und Leitmotiv ist?! Zugleich erinnert mich das „Nichtpolitische“ in diesem Blogbeitrag an christlichen Gehirnschwurbel: Dort der Gegensatz von „Liebe deinen Nächsten als dich selbst“ und allzu dogmatische Haarspalterei, die allzuoft Unfruchtbar bleibt. Würden Freimaurer beispielsweise Humanität ihren Raum lassen, wäre dies eminent politisch. Man würde vermutlich nicht dasitzen und grübeln, ob oder ob man nicht über menschliche Belange, Zusammenleben in einer Sozietät, Hilfe für die Hilflosen und Unterdrückten diskutieren darf. Albert Schweitzer sagte in etwa: „Es ist besser, hohe Grundsätze zu haben, die man befolgt, als noch höhere, die man außer Acht läßt.“ Das, was den Freimaurer ausmacht ist doch wohl nicht seine Logenhörigkeit, sondern die Art, wie er an sich arbeitet und dies in die gesellschaftliche Realität einbringt. Wäre ich zu jenen Demonstrationen gegangen, würde ich wohl denken: „Was für ein widerliches Auftreten, ein unsoziales Gegeneinander, welch eine Bildungsferne – mangelnde Herzensbildung eingeschlossen.“ Ich dächte nicht daran, aus welchem Hühnerstall ich käme, ich wertete die Inhalte und Performance jener Leute. Und stünde ich dort als Freimaurerin, hätte ich eben möglicherweise freimaurerische Werte: „Kehre nie der Not den Rücken.“

    • Ich habe mich mehrfach diesem Text gewidmet, aber ich habe den Text nicht verstehen können. Sehr wirr das Ganze. Ich würde mich gerne mit einem Kritiker auseinandersetzen, so leider nicht.

    • Werte Rita,

      Ihre Worte als Nichtfreimaurerin zeigen den Trugschluss, dem viele erliegen. Es gibt keine „guten“ Freimaurer (die sich „in die gesellschaftliche Realität einbringen“) und „schlechte“ (die dies nicht tun), sondern nur Menschen, sie sind, wie sie sind. Die Sprachlosigkeit jener Brüder ist ein Ausdruck von Gefühlen und Bedürfnissen, über die zu urteilen uns nicht zusteht. Bestenfalls können wir Hilfe anbieten, an Lösungen zu arbeiten, können Strategien erklären und Wege aufzeigen. Gehen muss sie dann jede/r selbst.
      Es gibt eine Trennlinie zwischen Wertschätzung und Vorverurteilung. Dort beginnt Freimaurerei.

      Beste Grüße
      Karola

  8. Lieber Bruder Philip, ein sehr schöner Text, der zum Nachdenken und eigener Positionierung anregt. Was hätte Bruder Franz getan? Diese Frage kann man nicht wirklich beantworten, aber eigentlich geht es ja auch um uns. Wie sollten wir reagieren? Gibt es ein richtiges und falsches Reagieren?

    Meine Position ist diese, dass wir es lernen müssen auch andere Meinungen zu ertragen. Besonders im Netzt trifft man oft auf Meinungen und Ansinnen, die absolut konträr zur eigenen Meinung stehen. Aber es sind Meinungen, die man vorerst ertragen muß, so lange verbale Diffamierungen, Aufruf zur Gewalttat, Gewaltverherrlichung, etc. ausbleiben. Die Meinung eines Bruders setzt meinen Toleranzpegel grundsätzlich per se etwas höher. Ich persönlich habe noch nie einen Bruder blockiert, aus der Freundesliste gestrichen oder ignoriert. Auch dann nicht, wenn er mir richtig auf den „Keks“ geht und sogar über einen längeren Zeitrum schwer verdauliche Kommentare und Meinungen postet. Die Lösung mit anderen Meinungen umzugehen liegt nicht in Ausgrenzung, zu Ignorieren oder ähnliches. Sondern die Lösung liegt allein im Dialog und wenn es einem schwer fällt, dann kann man ein wenig Zeit dazwischen kommen lassen und nach Beruhigung der Wogen erneut in den Dialog mit der gewissen Ruhe und Abstand eintreten.

  9. Sehr geehrter Herr Riemann, nicht wirrer als damalige Verlautbarungen der helleuchtenden Freimaurer, sich mit Hitlers Schergen zu arrangieren. Wir Hühner sind eben so, lassen uns eher abschlachten und marinieren, als daß wir den Despoten und Dummschwätzern in den Hintern kriechen. Ghandi und Mandela fallen mir dazu ein, ebenso wie Bonhoeffer, die Geschwister Scholl und Janus Korczack bespielsweise. Und hier sind wir an dem besagten Punkt: hat ein Freimaurer nicht soviel Glauben an Werte, die es zu verteidigen gibt? Was hat denn die „Arbeit am Rauhen Stein“ sonst für ein Resultat, wenn nicht Weisheit und Stärke?! Was gibt dem Freimaurer das Reden über den GBAW? Woher nehmen die Freimaurer die Chuzpe, einen Spruch wie: „Auch wenn Sie es nicht vermuten: Wir sind die Guten.“ von sich zu geben? Oder solches: „Freemasonry: Making good men better.“ Da krachen doch Anspruch und Wirklichkeit oft gnadenlos aufeinander. Oder?

    Aber ich möchte meinen Text etwas erläutern. „..daß Werturteile von Menschen durch die Strukturen, in denen sie agieren, bestimmt werden.“ heißt, daß Strukruren wie eine Loge, eine Kirche beispielsweise, die Art der Wissensvermittlung und den Ausdruck der daraus folgenden Handlungen bestimmen. Man könnte auch sagen: die Peergroup bestimmt das Bewußtsein und den lebendigen Geist desselben. Für die Freimaurer nehme ich da den Dreiklang “Weisheit, Stärke, Schönheit”, der sich auch in die Öffentlichkeit darstellt, ebenso wie bei den Kirchen der Begriff „Nächstenliebe“ als Etikett haftet. Aber oft haben Etiketten nichts mit der Wirklichkeit zu tun, obwohl ein Leitmotiv ja leiten sollte.

    Woher also die „…allzu dogmatische Haarspalterei, die (…) Unfruchtbarkeit…“? Die strukturelle Gefangennahme des Freimaurers wird durch Andersons Verbot, nicht über Politik und Religion zu streiten flankiert. Das ist fatal, weil es Wissen über Sachverhalte verhindert, die dem Freimaurer eine angemessene Meinungsfindung ermöglicht. In Herrn Militz‘ Eingangsfrage spricht er über HoGeSa, PEGIDA, Salafisten. Könnten es sich die Maurer antun und schauen, wie das alles zusammen hängt, um ihren freimaurerischen Blick zu schärfen? Können schon, wollen kaum. Aber es geht ja um den PEGIDA-Bruder. Man würde möglicherweise in einem Logengespräch fragen, warum Menschen aus ihrer Heimat flüchten. Bei Christen wäre soetwas gerne auch als Weihnachtsgeschichte präsent, bei den Juden der Auszug aus Ägypten. Man würde über Verfolgung reden. Über die Gründe der Verfolgung: Krieg, Bürgerkrieg, falscher Glaube, falsche Nationalität, falsches Geschlecht. Und man würde sich fragen: gebe ich einem Verfolgten Asyl? Da kommen wir zur freimaurerischen Aussage: “Kehre nie der Not den Rücken.” Die Not zu sehen, aufmerksam zu sein dem Mitmenschen gegenüber wäre Christenpflicht und Maurerpflicht. Bei abwehrender Unruhe der an sich arbeitenden Brüder käme in der Loge dann auch noch die Verantwortung derjenigen zur Sprache, die den Nötigenden die Wafffen liefern. Logenbrüder müßten sich über die Waffenexporte klar werden, die Verbrecher, Despoten, Kriegslüsternde in die Lage setzen, zu zerstören, töten, Unglück über die Menschen zu bringen. Wäre jemand dann so vermessen und sagte: „Ich arbeite bei Krauss-Maffei, Heckler & Koch, bei Sig-Sauer, aber ich muß doch meine Familie ernähren.“ würde man ihm vergeben? Könnte man verstehen, daß er zwar den Tod exportiert, die Flüchtlinge aber wie Dreck ansieht und gegen sie demonstriert? Kommunikation ist folglich die Keimzelle von Vernunft, da deren Kernprinzip die Einflußnahme nicht durch Macht, sondern durch Gründe ist.

    Die Struktur „Loge“ verhindert oft Gespräche über Zusammenhänge. Die folgenreiche Wirkung ist, daß der Unwissende sich Wissen von der Straße holt. Und da trifft Franz Bridoux aus Belgien den Bruder bei PEGIDA und schüttelt verzweifelt den Kopf. Albert Schweitzer sagte in etwa: “Es ist besser, hohe Grundsätze zu haben, die man befolgt, als noch höhere, die man außer Acht läßt.” Hohe Grundsätze werden stets in der Loge verkündet – durch Worte, Symbole und Allegorien. Ein einfaches mitmenschliches Rühren kann da schon Nächstenliebe sein und hilfreich. Aber zu oft kommt man mit dem schlappen Spruch: „Es sind doch auch nur Menschen.“ Nein, ich bin da rigoros bis zum Kochtopf. Als Salz im Teig der Gesellschaft zu wirken erfordert Mut, aber auch Werte. Noch ein wenig Empathie hinzu, und schon könnte der Bruder Abstand zu den Pegidalesen nehmen.

    Prof. Peter Kruse stellt angesichts der Informationsvielfalt, der Unübersichtlichkeit und Desinformationen die Frage: „Wo lernt man diese Fähigkeit, sinnvoll zu bewerten?“ Man kann nur bewerten, von dem man Kenntnis hat. Daher ist eine angemessene Gesprächskultur in jedem Fall vonnöten. Das ist auch in Wirklichkeit die Aufgabe der Logen. Nur wird strukturell eine Menge getan, um die Maurerbrüder zu politischen Eunuchen zu machen. Doch schon der Ansatz, daß sich ganz unterschiedliche Menschen in der Loge treffen, könnte zu einem fruchtbaren Gedankenaustausch führen, der freimaureischer Weisheit Vorschub leistete. Würden Freimaurer beispielsweise Humanität ihren Raum lassen, wäre dies eminent politisch. Das bedeutet, daß sich ein Mann von der Logenstruktur emanzipieren müßte und seine eigenen Ansichten vertreten könnte. Aber solange er durch den Hammer des Meisters am brüderlichen Gespräch gehindert wird, wird er, was er lernte, nämlich das „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ ähnlich wie in der Kirche auch in die Sonntagsschublade leben. Bei denen klappt die Oekumene auch nicht, obwohl sie sich auf Jesus berufen. Kein Miteinander. Ein schizophrenes Leben.

    So ist es auch nicht verwunderlich, daß in der Öffentlichkeit kaum ein Freimaurer für seine freimaurerischen Werte einsteht. Ach, man läßt sich allerdings nicht lumpen, Öffentlichkeitsgeschwurbel vermittels Preisverleihungen an Nichtmaurer zu inszenieren, die bspw. bei Altkanzler Schmidt doch sehr politisch besetzt sind. Großen Namen Geld hinterher zu werfen, das ist zu wenig. Und so plädiere ich für das brüderliche Gespräch in der Loge, welches den Mitgliedern erlaubt, ihren Wissensdurst zu stillen, Vorurteile zu revidieren, Werte auf Haltbarkeit zu überprüfen und Mut zu haben, sich den Anforderungen unserer Zeit zu stellen. Die Frage: „Wie geht man am besten mit etwas um, das einem mißfällt, das einen beunruhigt?“ beantworte ich mit: „Offen darüber reden.“ Binsenweisheit. Im Hühnerstall machen wir das schon lange. Und Bruder Franz könnte so manches aus seinem Leben zum Vertsehen beitragen.

    • Liebe »Rita«, vielen Dank für deine Erläuterungen. Aber bevor möglicherweise bei anderen Lesern/Kommentierenden weitere Fragezeichen bezüglich deiner Anspielungen auf Hühnerställe, Kochtöpfe etc. entstehen, möchte ich hier noch mal deutlicher auf dein von dir verlinktes Blog verweisen, in dem du die Welt aus Hühnersicht betrachtest: http://philosophicalrita.wordpress.com. Das hilft dann vielleicht, wenigstens ein wenig Verwirrung bei Mitlesenden zu vermeiden. ;)