Hiiiilfe! Freimaurer, Kerzengespräche und die Pfadfinder-Spur…

„Kerzengespräche“ bringen inzwischen in immer mehr Logen Licht in den freimaurerischen Alltag. Im Halbdunkel liegt noch, wie alt oder jung diese Tradition in der Freimaurerei ist, woher sie stammt und welche verschiedenen Formen es gibt. Eine Spur führt zur den Pfadfindern, aber genaues weiß man (noch) nicht. Das wollen wir ändern.

Kerzengespräche und der „Stein des Anstoßes“

Zunächst zur Erklärung: Üblicherweise wird bei einem Kerzengespräch vom Gesprächsleiter ein Thema bzw. eine Frage vorgegeben und eine Kerze herumgereicht. Wer sie in der Hand hält, darf seine Gedanken frei äußern, ohne von anderen unterbrochen oder bewertet zu werden.

Diese besondere Form der Gesprächsführung hilft, auch mal Zurückhaltendere zu Wort kommen zu lassen und ein breiteres Meinungsbild zu bekommen. Auch schwierige Themen können angesprochen und sich darüber ausgesprochen werden, ohne das Thema tot zu diskutieren oder zu streiten.

Der Gesprächsablauf ist überall ähnlich, aber in manchen Logen wird statt einer Kerze ein „Stein des Anstoßes“ herumgereicht.

Das Kerzengespräch und seine Wurzeln

Falls Euch das alles irgendwie bekannt vorkommt: Kein Wunder! Diese Form des Austauschs ist keine rein freimaurerische Tradition: In nicht freimaurerischen Kreisen werden auch gerne „Sprechstäbe“ weitergegeben (eine womöglich indianische Tradition) oder einander „Gesprächsbälle“ zugeworfen.

Wie aber ist es zu freimaurerischen Kerzengesprächen gekommen? In welcher Loge wurde damit begonnen, wann und wie hat sich die Tradition verbreitet?

In der ursprünglichen Ausgabe des Freimaurer-Lexikons von Lennhoff/Posner werden Kerzengespräche nicht erwähnt. In Reinhold Doschs Freimaurer-Lexikon von 1980 werden sie als „neuerliche Logenveranstaltung“ genannt.

Reinhold Dosch war engagiertes Mitglied der Loge „Zur Treue“ in Berlin. Ein „Zeitgenosse“ erinnert sich, das Kerzengespräche dort seit rund 50 Jahren durchgeführt werden (was derzeit die älteste Spur ist), voraussichtlich aus der Lehrart übergreifenden Loge „Zur Weißen Lilie“ (VGLvD) übernommen und dort  möglicherweise von Brüdern eingeführt wurden, die diese Form der Gesprächsführung aus der Pfadfinderschaft kannten. Aber das sind bislang nur Vermutungen. Wer „Kerzengespräch Pfadfinder“ googelt, findet jedenfalls nichts.

Bitte um Hinweise

Deshalb nun dieser „Hilferuf“ der Redaktion mit Bitte um Hinweise aus dem eigenen Erfahrungsbereich:

Wie lange ist Euch diese besondere Tradition selbst bekannt bzw. wie lange und in welcher Form wird sie schon in Eurer Loge oder in einer Euch bekannten Loge gepflegt? Woher wurde sie übernommen?

Auch von Interesse: Handelt es sich um ein deutsches Phänomen oder kennt Ihr Kerzengespräche auch aus Logen anderer Länder? Sind Euch Kerzengespräche o. Ä. vielleicht aus anderen Zusammenhängen bekannt?

Hinweise gerne per Mail an mail@freimaurer.online.

21. August 2018 von redaktion
Kategorien: Forschung, Geschichte, Rituale, Grade, Symbole | Schlagwörter: , , , , | Kommentare deaktiviert für Hiiiilfe! Freimaurer, Kerzengespräche und die Pfadfinder-Spur…

Hätte ich das vorher gewusst – wie gut es manchmal sein kann, „wenig“ über seine Brüder zu wissen

The Old Charges (die Alten Pflichten) von 1723 – by Declic [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], from Wikimedia Commons

The Old Charges (die Alten Pflichten) von 1723 – by Declic [GFDL or CC BY-SA 3.0], from Wikimedia Commons

Laut den Alten Pflichten von 1723 sollten in Freimaurer-Logen Streitgespräche über Politik und Religion tabu sein. Jedem soll seine persönliche Überzeugung gelassen werden, damit Freimaurerei Menschen zusammenbringen kann, die sonst einander „ewig fremd“ geblieben wären.

Vor kurzem ist mir zufällig aufgefallen, wie gut dies anscheinend funktioniert:

Ich kenne viele meiner Brüder jetzt seit fast 15 Jahren, habe bei den meisten aber bis heute nur eine vage Ahnung, was sie beruflich machen, glauben oder wählen.

Erster Gedanke: Verdammt, wie peinlich! In einer Gemeinschaft, die sich im 21. Jahrhundert immer noch gerne (b)romantisch als Bruderschaft bezeichnet, sollte das doch eigentlich anders sein – oder?!

Aber je länger ich drüber nachdenke, desto mehr möchte ich eigentlich, dass das genau so bleibt. Denn es könnte tatsächlich ein Zeichen dafür sein, wie gut Freimaurerei in meinem Umfeld funktioniert.

Ist nicht im Alltag oft eine der ersten Fragen, die man in einer Gesprächsrunde gestellt bekommt: „Und was machst Du so?“ Wie viele Gespräche drehen sich um Berufliches? Wie flott wird Smalltalk politisch? Oft weiß man schneller, als einem lieb ist, was das Gegenüber beruflich macht, oder politisch denkt. Schubladendenken setzt ein, Fronten bilden, Meinungen verhärten sich. Und schon sieht man den Mensch vor lauter Grünen, Roten, Schwarzsehern, Alternativwählern, Bankstern, Spießern, Kreativlingen, Schlecht- und Gutmenschen nicht mehr.

In meinem freimaurerischen Umfeld spielt es für mich offenbar keine Rolle, welchem Beruf meine Brüder nachgehen. Sonst hätte ich danach gefragt (bzw. mir die Antwort gemerkt), einen Blick ins Mitgliederverzeichnis geworfen, gegoogelt.

Was viele meiner Brüder beruflich machen, davon habe ich – wenn überhaupt – nur eine Ahnung (schon eher glaube ich zu wissen, was meine Brüder als ihre Berufung ansehen, was sie im Leben antreibt). Und ich möchte eigentlich erst Recht nicht wissen, welche Parteien meine Brüder wählen.

Das mag vielleicht oberflächlich sein, naiv. Aber in einer Zeit, in der wieder viel schwarz-weiß gemalt und das Leben durchpolitisiert wird, aus Nachbarn über Nacht Fremde und aus Freunden plötzlich Feinde werden, bin ich froh einen Ort zu haben, an dem ich Menschen noch als Mensch begegnen kann.

Und wenn ich dann irgendwann doch mal erfahre, welche Partei mein Bruder wählt, womit er seine Brötchen verdient, möchte ich auch weiterhin überrascht sein und denken können:

Hätte ich DAS vorher gewusst…

dann hätte ich womöglich einen achtenswerten Menschen weniger kennengelernt.

09. Juli 2018 von freimaurer.online
Kategorien: Freimaurer 2.0, Freimaurerei to go, Maurerwort-Kolumne | Kommentare deaktiviert für Hätte ich das vorher gewusst – wie gut es manchmal sein kann, „wenig“ über seine Brüder zu wissen

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