800 Gramm Maurer-Dichtkunst: Der »Backstein der Freimaurer-Lyrik«

Heinz Sichrovsky (c) NEWS/Katharina Stögmüller

Heinz Sichrovsky (c) NEWS/Katharina Stögmüller

Was kommt dabei heraus, wenn sich einer der bekanntesten Kulturjournalisten Österreichs zehn Jahre lang durch Freimaurer-Dichtung stöbert? Antwort:

Der »600-Seiten-Backstein der Freimaurer-Lyrik«, ein masonischer 800-Gramm »Schinken«, der nicht nur für Freimaurer-Dichtkunstfans »Feinkost« ist, sondern auch vom Feuilleton gefeiert wurde.

Heinz Sichrovskys »Als ich König war und Maurer« zeigt die große Bandbreite freimaurerisch inspirierter Dichtung – darunter unverfängliche Kinderlieder, bewegende Nationalhymen, revolutionäres Arbeiterliedgut, Kirchenlieder aber auch Kirchenfeindliches. Freimaurer-Dichter produzierten Klasse und Masse – schönes Zitat aus dem Klappentext:

»Schon im 18. Jahrhundert wurden mehr als 15.000 Logenlieder veröffentlicht, meist pädagogisch-moralische Appelle oder Trinklieder. In Glücksfällen gingen diese Lieder über den Status der Gebrauchsliteratur hinaus.«

Sichrovsky hat die Glücksfälle unter die Lupe genommen. Wer hätte z. B. gedacht, dass ausgerechnet das vielleicht bekannteste Gute-Nacht-Gedicht tiefe Einblicke in die geheimnisumwitterte freimaurerische Ritual- und Symbolwelt ermöglicht? Ein Gastbeitrag von Rudi Rabe:

„When I was a King and a Mason …“

So beginnt das Gedicht ‚The Palace’ von Rudyard Kipling (1865 bis 1936), den man hierzulande vor allem als Autor des Dschungelbuchs kennt. Aber der englische Literaturnobelpreisträger des Jahres 1907 war viel mehr: Nach Einschätzung des österreichischen Kulturjournalisten Heinz Sichrovsky gehört Kipling mit Johann Wolfgang von Goethe und Mathias Claudius zum Triumvirat der besten Freimaurer-Lyriker. Und so ist es durchaus naheliegend, wenn Sichrovsky sein zweites Freimaurerbuch „Als ich König war und Maurer“ betitelt: ein Buch mit 600 Seiten, in denen der Autor sage und schreibe 90 Dichter vorstellt, die Freimaurer waren.

Große Namen sind darunter, außer den drei Genannten etwa Lessing, Heine, Puschkin und Tucholsky; aber auch weniger geläufige wie Blumauer, Schönwiese oder der Zeitgenosse Gerd Scherm. Der einzige Nicht-Freimaurer ist Friedrich Schiller, schrieb er doch die berühmte ‚Ode an die Freude’ („Alle Menschen werden Brüder“) im Auftrag eines Freimaurers für eine Leipziger Loge; die Beethoven-Melodie ist heute die Europahymne.

„Der Mond ist aufgegangen …“

Manche Freimaurergedichte sind leicht zu entschlüsseln. Bei anderen ist es ganz erstaunlich, was Sichrovskys Interpretationskunst zutage fördert. Oder wussten Sie, dass Mathias Claudius mit seinem ‚Abendlied’ in einer sehr symbolischen Weise das Freimaurerleben vom Lehrling über den Gesellen bis hin zum Meister kommentiert? Und zwar schon ab der Aufnahme: „Wie ist die Welt so stille – und in der Dämmrung Hülle – so traulich und so hold! – Als eine stille Kammer, – wo ihr des Tages Jammer – verschlafen und vergessen sollt.“ So lautet die zweite Strophe, nur ein Beispiel von sieben.

Liest Sichrovsky zu viel freimaurerisches hinein? Es scheint nicht so. Er interpretiert Strophe für Strophe, alles ist nachvollziehbar. Ja noch mehr: Er kann sich auf Claudius höchstpersönlich berufen, hat dieser doch das ‚Abendlied’ ganz bewusst wie einen begleitenden Kommentar in eine seiner wichtigsten freimaurerischen Arbeiten platziert, nämlich in die Übersetzung des Traktats ‚Irrtümer und Wahrheit’ des französischen Freimaurers Louis-Claude de Saint Martin.

Zehn Jahre Sammlerfleiß

Das Buch ist die Frucht von Sichrovskys manischem Arbeitsfleiß. Zehn Jahre lang sammelte er dafür. Resultat: 124 Texte aus 21 Ländern und vier Jahrhunderten; überwiegend Lyrik.

Als Resultat meiner Arbeit „darf ich dem Freimaurerbund meinen Respekt erklären“, meinte der Autor bei der öffentlichen Vorstellung seines Buches im Wiener Mozarthaus, „wo sonst gibt es eine Vereinigung, aus deren Reihen sowohl ‚Fuchs, du hast die Gans gestohlen’ (von Bruder Ernst Anschütz, Loge ‚Apollo’ in Leipzig) als auch die ‚Internationale’ (Bruder Eugéne Pottier, Loge ‚Le Libre Examen’) hervorgegangen sind.“

Buch-Cover "Als ich König war und Maurer", Heinz Sichrovsky, Freimaurer Gedichte„Als ich König war und Maurer“ Freimaurerdichtung aus vier Jahrhunderten – mit 90 Portraits von Oskar Stocker – hier bei Amazon bestellen oder nach Möglichkeit direkt beim Verlag bzw. dem örtlichen Buchhändler! Genauso empfehlenswert vom selben Autor: „Mozart, Mowgli, Sherlock Holmes – Die Königliche Kunst in Musik und Dichtung der Freimaurer“


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02. Februar 2017 von redaktion
Kategorien: Forschung, Geschichte, Geschichten, Portraits, Interviews, Rituale, Grade, Symbole | Schlagwörter: , , , , , , | 1 Kommentar
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1 Kommentar

  1. Lieber Philip, lieber Rudi,
    mindestens 33, um nicht zu sagen: 99 Dank für die wunderbare Wahrnehmung meines Buches! Liebe Grüße, hs

    PS.: Das Dickens-Problem in Deinem Weihnachtskommentar, lieber Philip, stellt sich mir schon lang. Die drei Geister verkörpern bruchlos (beim Blick auf das eigene Grab sogar Ritual-ident) die drei Grade. Andererseits gibt es nicht den geringsten Hinweis auf Dickens’ Mitgliedschaft, und vereinzelte Freimaurergestalten in seinem Werk sind sogar unfreundlich gezeichnet. Das trifft allerdings auch auf den Bruder Arthur Conan Doyle zu, und der war anfangs fraglos ein Freimaurer, bis er sich unfreundlich vom Bund getrennt hat. Dickens harrt also noch weiterer Erforschung.

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