Gastbeitrag: Ab ins Rampenlicht und immer schön auf dem Teppich bleiben – ein Plädoyer gegen das »Feindbild TV«

Mein Artikel »Warum ich gerade einen TV-Dreh ausgeschlagen habe« ist der meistkommentierte dieses Blogs. Die meisten konnten meine Entscheidung nachvollziehen, aber es gab auch kritische Stimmen: Einige meinten, es wäre für die Freimaurerei eine verpasste Chance gewesen [weil ich meine Sache vermutlich gut gemacht hätte – vielen Dank also für die Blumen ;)]. Und weil Freimaurerei nunmal gelebte Meinungsvielfalt sein sollte, habe ich eine der Kritikerinnen gebeten, einen »gepfefferten Widerspruch« zu verfassen.

Freimaurerin Sylvia Gräber

Zu meiner großen Freude hat Sylvia Gräber (s. Foto – u. A. Sprecherin der Frauengroßloge von Deutschland, eine der Autorinnen des von mir sehr geschätzten Blogs FrauMaurer und vor allem: Journalistin und Medientrainerin, also »vom Fach«) nicht gezögert, mir »mit spitzer Feder ordentlich den Kopf zu waschen«. ;)

Voilà:
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„Freimaurerei kann man nicht in zwei oder drei Minuten erklären.“ Diesen Satz höre ich immer wieder, wenn Medien, speziell Fernseh-Sender, bei uns anklopfen. Diejenigen, die ihn aufsagen, sind oft stolz darauf. Und ich bin oft leicht angenervt.

Der Inhalt des zitierten Satzes ist zwar völlig richtig, doch leider geht er haarscharf am Thema vorbei. Denn es geht überhaupt nicht darum, Freimaurerei zu erklären. Und schon gar nicht um erschöpfende, lückenlose, hochdifferenzierte und umfassende Erklärungen. Es geht nur darum, Interesse zu wecken und ein paar Infos zu geben. Hallo, ihr da, es gibt uns – und wir sind total normale Leute! So ein Film ist für die Freimaurerei in etwa das, was der Trailer für Filme ist oder der Klappentext fürs Buch. Auf jeden Fall ist ein Film im Regionalmagazin ist immer eine Riesenchance: Öffentlichkeitsarbeit, für die wir keinen Cent ausgeben müssen.

Wir müssen nur lernen, über das, was „unser Ding“ ist, ganz normal zu sprechen, und zwar in ganz normalen Worten. Mit Mut zur Lücke. Möglichst unverstellt. Möglichst freundlich. Möglichst kurz. Möglichst begeistert. Möglichst so, dass der eigene Esprit, die eigene Freude ansteckend wirken können.

Wir haben zwar den Film nicht selbst in der Hand – das hat nur der jeweilige Autor (nennt sich Pressefreiheit, ist ein Pfeiler unserer Demokratie und schließt das Risiko mit ein, dass man nicht immer so dargestellt wird, wie man sich selber sieht), aber wir haben in der Hand, was wir reden, wie wir reden, welche Worte wir in den Mund nehmen und welche besser nicht.

Es geht den Regionalmagazinen, die bei uns anklopfen und drehen möchten, meist schlicht und ergreifend darum, uns vorzustellen, als kleine „Attraktion“ vor Ort: Schaut mal, es gibt Freimaurer! Schaut mal, dieser hier ist so und so und ihm ist dies und jenes wichtig. Er hat Arbeit und ein Hobby. Er ist ganz nett. Guckt mal, das Logenhaus ist in der Sowieso-Straße. Da treffen sie sich, die Freimaurer. Sie bieten auch Gästeabende an! Fertig.

Ein bisschen flach und grob? Tja – mag sein. Ist aber okay. Denn sonst könnte über fast gar nichts mehr berichtet werden, auch nicht über den Autobahnausbau, weil man ja den hochkomplizierten Planungsprozess in drei Minuten nicht erklären kann. Und nicht über die gestrige Ratssitzung, die ja immerhin sieben Stunden gedauert hat und kontrovers war! Und doch gibt es Filme darüber. Unterschiedliche Filme. Kurze Filme, die den heutigen Sehgewohnheiten entsprechen. Und das ist gut so. Alles lässt sich kurz fassen. Auf den Punkt bringen. Immer. Da sollten Freimaurer und Freimaurerinnen keine Sonderbehandlung für die Freimaurerei erwarten. Für andere ist halt die Dackelzucht wichtig und die Dackelzüchter kriegen auch keine Extrawurst.

Es geht den Journalistinnen und Journalisten in der Regel darum, ein Thema so aufzubereiten, dass die Leute „dranbleiben“. Und darum sollte es uns auch gehen, weil es uns hilft, wahrgenommen zu werden. Als eine von vielen aktiven Gruppen und Akteuren in unserer Stadt. Die Journalistinnen und Journalisten brauchen eine interessante, persönliche Geschichte, möglichst nah am Menschen erzählt, an einer Hauptperson entlang – so wie Phil es mit literarischen Mitteln in seinem neuen Buch macht, in den Porträts in „Nicht von gestern: Freimaurer heute“.

Auch Filme brauchen Protagonisten, mit denen sich das Publikum identifizieren kann, kompetente Protagonisten, die wissen, was sie tun, warum sie es tun, und die auch fähig sind, das in Worte zu fassen. In kurze, klare, verständliche Worte. Ohne Geheimnis-Geschwurbel. Ohne Fachjargon. (Und manchmal ist es nötig, dafür im Vorfeld etwas zu trainieren, damit man, wenn´s drauf ankommt, keine hohlen Sprüche klopft, nicht eiert und langatmig salbadert und nichts Missverständliches zum Besten gibt.)

Menschen verbringen viel Zeit vor dem Fernseher oder den Mediatheken im Internet. „Wenn wir darin nicht vorkommen, kommen wir bald gar nicht mehr vor“, hat Margot Käßmann vor ein paar Jahren über die Kirche gesagt. Das können wir durchaus auch auf Freimaurerei beziehen. Wir sollten vorkommen wollen und uns freuen, wenn es Anfragen gibt. Die düsteren ollen Kamellen über Verschwörungstheorien von anno dazumal lassen sich nur überwinden, wenn wir uns endlich dazu entschließen, aus ihrem Schatten zu treten – mit etwas neuem Erfrischenden, das in diese Zeit passt. Wenn wir den dämmrig-düsteren Ärgernissen etwas Flottes, Aufgewecktes, Lebensnahes und Lebendiges entgegensetzen, ziehen wir mehr engagierte, kreative, vernünftige Menschen an. So einfach ist das.

Freimaurerei erklären(!!!) – wer den Anspruch derart hochschraubt, muss ja vor lauter Schreck verstummen. Selbstverständlich lässt sich dieses wunderbare Projekt nicht in drei Minuten erklären – allerdings auch nicht in 60 Minuten, drei Monaten, drei Aufsätzen oder drei mal drei Büchern. Das macht aber nichts. Wir dürfen trotzdem über Freimaurer und Freimaurerei schreiben und Bilder malen und reden. Immer wieder reden. Sogar in der Kürze von 30 Sekunden vor einer Kamera. So wie all die anderen auch.

Nur Mut, meine Damen und Herren. Übung macht schließlich den Meister – und von beidem kann die Freimaurerei nie genug bekommen.

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Wer mehr über Sylvia erfahren möchte: »Nicht von gestern: Freimaurer heute«. Und wer wissen möchte, wie sich der Bruder geschlagen hat, der mehr Mut hatte, als ich, wird hier fündig. :)

Warum ich gerade einen TV-Dreh ausgeschlagen habe

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Vor kurzem bekam ich über offizielle freimaurerische Stellen eine Anfrage, ob ich an einem Dreh über Freimaurerei mitwirken könne – ein Interview für ein junges Format eines öffentlich-rechtlichen Senders und ein bloggender Bruder mit lockerem Kleidungs- und Sprachstil würde da gut ins Bild passen.

Zunächst mal habe ich mich natürlich geschmeichelt gefühlt – es ist ja erfreulich, wenn einem Brüder zutrauen, die Freimaurerei gut repräsentieren zu können, und eine der positiven Nebenwirkung wären wohl auch ein paar verkaufte Bücher und Follower mehr gewesen.

Zudem ist zwar ein öffentlich-rechtlicher Sender heutzutage auch kein hundertprozentiger Garant mehr für sachliche Berichterstattung, aber im Falle eines komplexen Themas wahrscheinlich immer noch besser, als ein Privater.

Soweit, so gut.

Trotzdem habe ich mir die Entscheidung nicht leicht gemacht.

Warum?

Der Beitrag sollte rund fünf Minuten dauern. Und so pointiert, wie ich vielleicht manchmal wirke: Ich sehe mich einfach nicht in der Lage, in so kurzer Zeit Freimaurerei zu erklären und der Sache dann noch einigermaßen gerecht zu werden.

Freimaurer in 60 Minuten – das geht. Vielleicht auch in 30 oder 15 Minuten. Aber in fünf (und von denen für meine Worte wahrscheinlich höchstens zwei bis drei geblieben wären)?!

Sicher, ich hätte im lässigen Flanellhemd mit hochkrempelten Ärmeln so knackige Sätze sagen können wie:

  • Freimaurerei ist das älteste Social Network!
  • Freimaurerei ist das erfolgreichste Persönlichkeitstraining!
  • Freimaurerei ist eine Art geistiges Fitness-Studio!
  • Freimaurerei ist eine Lebenseinstellung!

Das hätte vermutlich alles irgendwie einigermaßen »cool« geklungen und wäre auch nicht ganz falsch gewesen…

aber eben auch nicht ganz richtig – Freimaurerei als Phänomen ist viel zu vielschichtig. So, wie’s unser alter Treppenwitz auf den Punkt bringt: Fragst Du drei Brüder, was Freimaurerei ist, kriegst Du fünf Antworten.

Dazu wäre dann auch noch das Problem mit den »Bildern« gekommen:

Ein Print- oder Online-Artikel über Freimaurerei, für den man seine Zitate vor Veröffentlichung noch mal auf Missverständlichkeit prüfen kann und für dessen Illustration ein bis zwei Fotos reichen, das ist okay. Aber ein TV-Beitrag?

Der lebt nun mal vor allem von Bildern! Und ich habe keinen wirklichen Einfluss darauf, welche Bilder letztlich z. B. zur Illustration meiner Aussagen gezeigt werden. Ein falsches Bild kann aber trotz richtiger Aussage zu einem ganz schön schiefen Bild führen. Und wäre ich TV-Journalist, wäre ich natürlich vor allem scharf auf Bilder der ach so geheimnisumwitterten Rituale. Speziell natürlich auf Bilder all der Überraschungsmomente, die eine Aufnahme in den Freimaurerbund für den Aufzunehmenden so eindrucksvoll machen – je merkwürdiger, desto besser.

Aber diese starken Bilder sind eben allesamt erklärungsbedürftig, werfen bei Außenstehenden mehr Fragen auf, als sie Antworten geben. Fragen, die dann in fünf Minuten erst recht nicht mehr zu klären sind.

Ich bin deshalb auch bei aller Offenheit immer noch kein Fan von Bildern, auf denen Brüder oder Schwestern in freimaurerischer »Kluft« zu sehen sind. Ich kann mich nämlich noch gut daran erinnern, wie merkwürdig mir diese Kluft erschien, als ich sie (damals noch als Außenstehender) das erste mal gesehen habe – es braucht Zeit, bis man sich an den Anblick von Anzug, Schurz, Handschuhen etc. gewöhnt. Und es braucht Erklärungen, was es mit dieser Art der Bekleidung auf sich hat, warum wir sie bei unseren altüberlieferten Zeremonien auch heute noch tragen, ohne deshalb gleich von gestern zu sein. Tragen, aber eben ungern »zur Schau tragen«.

Das war aber noch lange nicht alles, was für mich gegen das Interview sprach:

Es sollte letztlich auch noch schnell gehen – und Schnellschüsse haben sich in meinem Leben leider schon viel zu oft als »Schuss in ’n Ofen« entpuppt (wovon ich hier lediglich meine Gattin ausnehmen möchte). ;)

Ich habe schließlich auch noch einen ziemlich progressiven Bruder nach seiner Meinung gefragt – und danach eine Entscheidung getroffen.
Schweren Herzens.

Aber mir haben Vernunft und Gewissen, meine beiden »inneren Aufseher«, an die auch mich das freimaurerische Ritual immer wieder erinnert, diesmal abgeraten.

Vielleicht hat ja ein anderer mehr Mut als ich – und das Glück, dass dabei dann auch was Vernünftiges herauskommt.

Ich bleib’ besser beim Bloggen.

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Mich würde Eure Meinung interessieren: Sehe ich die Sache zu eng? Hätte ich anders entscheiden sollen? Soll ich beim nächsten Mal anders entscheiden?