Pinocchio – ein Freimaurer-Buch?

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Pinocchio ist eine der bekanntesten Kindergeschichten und ein populäres Symbol für Unabhängigkeit, Emanzipation und die Befreiung vom Marionettendasein. Weniger bekannt sind die vielen Parallelen zur Freimaurerei:

Ähnlich wie im „Dschungelbuch“ des Freimaurers Rudyard Kipling geht es auch in Carlo Collodis Pinocchio um „Menschwerdung“ durch Arbeit an sich selbst, aber auch um das Thema Freiheit (hier: Befreiung von den Fesseln des Marionettendaseins).

Sogar wesentliche Leitmotive der drei Freimaurer-Grade lassen sich finden:

Wie im ersten Grad der Freimaurerei stehen für Pinocchio am Anfang des Weges Selbsterkenntnis und Selbstfindung.

Wie ein Freimaurer symbolisch im zweiten Grad, muss auch Pinocchio reisen und Versuchungen widerstehen. Auch ihm steht dabei u. a. ein „Meister“ helfend zur Seite: Meister Gepetto. Er hat Pinnochio aus einem groben Holzklotz geschnitzt, welcher sich interessanterweise dagegen »gesträubt« hat, gegen seine Natur bearbeitet zu werden. Auch bei der praktischen Steinmetzarbeit kann man immer nur mit und nie gegen den „Stein“ arbeiten bzw. nichts aus ihm „herausholen“, was nicht in ihm steckt. Freimaurer erinnert das Bild von Gepettos Arbeit am Holzklotz an die Arbeit am rauen Stein, dem Symbol für die eigene unvollkommene Persönlichkeit des Menschen mit Macken, Ecken und Kanten, an denen jeder Freimaurer für sich arbeiten soll.

Und wie ein Freimaurer im dritten Grad, wird auch Pinocchio immer wieder mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert.

Der Schlüssel zur Meisterschaft liegt letztlich – auch hier wieder Ähnlichkeiten zur Freimaurerei – in der Meisterschaft über sich Selbst, über das Ego mit seinen Macken, Ecken, Kanten, durch die sich Pinocchio die Fesseln seines Marionettendaseins letztlich selbst angelegt hat (und nicht etwa seine Umwelt oder fremde Mächte). Es geht also – ähnlich wie in der Freimaurerei – um innere Freiheit von vermeintlich äußeren Zwängen.

Sind diese Parallelen von Pinocchio zur Freimaurerei nur Zufälle?

Werner J. Kraftsik hat für sein neues Buch und den folgenden Gastbeitrag genauer hingeschaut:
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Mit Pinocchio verbinden viele nur die Lügen und die dadurch riesig anwachsende Nase. Diese Nase ist zu einem Synonym für Lügner geworden, das bis heute fleißig verwendet wird.

Wer die Geschichte Pinocchios aufmerksam liest, stellt sehr bald fest, dass nur an zwei Stellen Pinocchios Nase wegen seiner Lügen wächst und es sich in Wirklichkeit um seine Verwandlung von einem Hampelmann zu einem wahrhaften, ehrsamen und guten Menschen handelt. Pinocchio ein freimaurerisches Ideal? Wie das?

Der Autor der Originalgeschichte, Carlo Lorenzini, Pseudonym Carlo Collodi, war, wie der italienische Historiker Aldo Mola herausgefunden hat, Freimaurer.

Schon im ersten Kapitel, als Pinocchio noch nicht wirklich entstanden, sondern nur als ein Holzklotz vorhanden ist, widersetzt sich dieser den Versuchen ihn zu formen und gegen seinen Willen zu verändern. Es handelt sich um ein „besonderes Holz“ aus dem nur etwas „besonderes“ entstehen sollte.

Menschen, die die Freimaurerei suchen, sind ebenfalls aus „besonderem Holz geschnitzt“. Als ihn schließlich sein „Erzeuger“, Gepetto, fertiggestellt hat, wirkt der Freiheitsdrang und Pinocchio begibt sich auf eine Abenteuerreise deren Ziel er zunächst nicht erkennt.

Er merkt aber schnell und wird von einer sprechenden Grille und einem geheimnisvollen Mädchen mit blauen Haaren darauf hingewiesen, wie aus einem Holzkopf ein wahrer Junge, ein wahrer Mensch werden kann.

Leider lässt er sich immer wieder ablenken.

Entweder ist es ein Marionettentheater, das seinen Weg zur Schule beendet, der Traum eines sorglosen Lebens oder er lässt sich von zwei Betrügern, dem Fuchs und der Katze, sein kleines Kapital abluchsen.

Gute Ratschläge seines Vaters Gepetto und anderer, die es gut mit ihm meinen, hört und will er befolgen, erliegt aber immer wieder den Versuchungen. Das ist die Aussicht sein verbliebenes Geld ohne Mühen zu vervielfältigen. Oder grenzenloser Müßiggang ohne Gegenleistung in einem Wunderland.

Wie Pinocchio erleben Freimaurer auf ihren Lebensreisen Versuchungen und Enttäuschungen, die sie ebenfalls oft nur mit Hilfe wohlgesinnter Menschen ertragen und überwinden können. Es dauert eine Weile, bis Pinocchio seine Aufgabe und Bestimmung erkennt. Freimaurer arbeiten in gleicher Weise am „Erkenne Dich selbst“ und sind bemüht „der zu sein, der sie sein können“.

Deshalb habe ich, in möglichst enger Anlehnung an das Original, den „Pinocchio“ in eine modernere Sprache übertragen. Die – nach den Kapiteln dieses Märchens eingeschobenen – Versuche einer Interpretation, sind natürlich nur subjektive Einordnungen der aus dem Märchen zu ziehenden Schlüsse.

Ich gehe als Autor davon aus – und hoffe es – das die Leser ihre eigenen, und vermutlich abweichenden oder ergänzenden Schlüsse, aus der Lektüre dieses „neuen Pinocchio“ ziehen werden.

Was ist der Grund, dass Menschen, genau wie Pinocchio, in einem ständigen Kampf zwischen zwei sich widerstrebenden Kräften stehen?

Wollen wir nicht alle In Ruhe, in Frieden und in Freundschaft mit der Welt leben?

Leider herrscht in weiten Teilen unserer Welt weder Ruhe, noch Frieden und echte Freundschaften sind eher selten – Facebook-Freundschaften zählen nicht -, die meisten haben, wenn sie ehrlich zu sich selbst sind, bestenfalls eine Reihe von „Bekannten“.

Auch der „Pinocchio“ der heutigen Zeit stellt sich die Frage, welchen Weg er gehen kann und wer seine Freunde sind. 
Trotz nie zuvor gekannter Informationsmöglichkeiten bleiben viele Menschen unwissend und unaufgeklärt und verlassen sich, wie Pinocchio, auf die Aussagen anderer. Deren Auskünfte tragen selten zur eigenen Erkenntnis bei, sondern dienen viel häufiger der Befriedigung der Vorhaben der „Auskunftgeber.“

Worauf hoffen Menschen in Zeiten, in denen lange sicher geglaubte Werte verloren gegangen scheinen? 
Auf diese Frage gibt die Geschichte des Pinocchio eine schlüssige Antwort, die sich am Ende der Geschichte(n) ergibt.

Man könnte die Geschichte auch als Beschreibung eines „humanistischen Ideals“ bezeichnen – genau das, wonach Freimaurer streben. 
Wer in diesem Buch diesen Gedanken folgt, kommt vielleicht zu eigenen, neuen Erkenntnissen.

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„Pinocchio, ein freimaurerisches Ideal“ von Werner J. Kraftsik gibt’s als eBook/Book on Demand bei Amazon.


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24. Januar 2019 von freimaurer.online
Kategorien: Forschung, Geschichte, Geschichten | Schlagwörter: , , , | Schreibe einen Kommentar
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