Ein »freier Mann«?!

Freimaurer – ein freier Mann
Ein Freimaurer soll »ein freier Mann« sein, heißt es traditionell formuliert in den sog. »Alten Pflichten« von 1723. Aber was heißt das schon?

Gespräch mit der Betreiberin eines namhaften Wachsfiguren-Kabinetts. Sie erzählt mir, wie ausgesprochen schwierig es sei, gute und zuverlässige Bildhauer zu finden – worauf mir sofort ein mir bekannter Freimaurer-Künstler einfällt.

Ich bin mir sicher, dass er sich über eine Empfehlung freuen wird, denn Kunst ist bekanntlich meist brotlos und wer sagt schon nein zu einem guten Auftrag und einer vielversprechenden langfristigen Geschäftsbeziehung?

Ich schreibe den Bruder also an, frage ihn, ob ich seine Kontaktdaten weitergeben dürfe. Und, tja, wie soll ich’s sagen, die Reaktion… also…, naja:

Er bedankt sich herzlich – und es sei auch wirklich nicht so, dass er in Geld schwimme und es sich unbedingt leisten könne. Aber er habe mit den Jahren und der Unterstützung seiner Frau hart daran gearbeitet, seine Bedürfnisse zurückzuschrauben, mit wenig zufrieden zu sein. Und weil er jetzt schon zeitlich Mühe damit habe (er ist auch ehrenamtlich sehr engagiert), seine eigenen Ideen zu verwirklichen, wolle er seine »letzten Lebensjahre nicht damit vergeuden, stoisch die Ideen anderer zu realisieren«.

Ups.
Irritation.
Ich bin Vernunftmensch.
Sicherheitsdenker. Mit Netz und doppeltem Boden.
Mit einer solchen Antwort habe ich überhaupt nicht gerechnet…

Nach erstem Erstaunen löst sich meine Starre, das Hirn fängt an zu arbeiten. Mir fällt dieser Satz aus den »Alten Pflichten« ein: Ein Freimaurer, soll »ein freier Mann« sein. Die Muskulatur um meinen Mund spannt sich, meine gerunzelte Stirn entspannt sich, ich muss lächeln.

Ich habe mich oft gefragt, was das wohl ist, »ein freier Mann«. Wie das wohl geht »freier Mann«.

Hätte ich den Mut gehabt, ähnlich zu antworten? »Nein« zu sagen? Sogar, wenn ich es mir jetzt erlauben könnte: Wer weiß schon, was die Zukunft bringt? Nein, ich hätte wohl ja gesagt.

Jetzt ziehe ich also mal wieder den Hut vor Dir, Bruder Jens*.
Denn so erstaunlich einem Deine Antwort im ersten Moment vielleicht auch vorkommen mag – so kann wohl wirklich nur einer antworten:

Ein freier Mann!

Freimaurer Künstler Jens Rusch bei dr Arbeit

* Jens Rusch (hat der namentlichen Veröffentlichung zugestimmt) ist u. a. Initiator des Freimaurer-Wikis, der Wattolümpiade und der Initiative »Stark gegen Krebs«. Mehr über ihn gibt es u. a. hier und ein ausführliches Porträt (»Jens – Sterben als Lebensmotor«) in meinem Buch »Nicht von gestern: Freimaurer heute«.


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30. Mai 2017 von Philip Militz
Kategorien: Freimaurer 2.0, Geschichten, Maurerwort-Kolumne, Persönlichkeitsentwicklung, Portraits, Interviews | Schlagwörter: , , , | 6 Kommentare
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Kommentare (6)

  1. Graffiti machen graue Wände lebendig, ich wünschte ich könnte das auch …. (keimzeit) Respekt mein Bruder! Ich schaffe es leider nie den 24 gen Weise zu nutzen.

  2. Ich bin selber seit langem Rentner, ziemlich – nicht nur freimauererisch – ehrenamtlich eingebunden, sehr viel auf Reisen, freue mich über meine gärtnerischen Erfolge und trotzdem, auf eine Antwort wie Jens Rusch wäre ich wohl kaum gekommen. Habe ich das recht verstanden: Das Zurückschrauben seiner Bedürfnisse als eine „harte Arbeit“ zu empfinden (einer Art Selbstkasteiung), die ihm nicht mehr erlaube, sich mit den Dingen zu befassen, die ihm früher Freude (wahrscheinlich doch und nicht nur wegen des Geldverdienens) bereitet haben. Selbstgenügsamkeit ok – aber als (aktuellen?) Lebensmittelpunkt? Oder ist das Versuch, einmal etwas völlig anderes zu probieren – so wie Kunst ja auch nicht jeder kann?

  3. Ich habe lange gebraucht bis ich den Songtext von Janis Joplin nicht nur sermantisch verstanden, sondern verinnerlicht habe:

    „Freedom’s just another word for nothin‘ left to lose
    Nothin‘, it ain’t nothin‘ honey, if it ain’t free
    And feelin‘ good was easy, Lord, when he sang the blues
    You know feelin‘ good was good enough for me
    Good enough for me and my Bobby McGee“

    Seit diesem Zeitpunkt glaube ich >(für mich) zu wissen, was Freiheit ist und ws es bedeutet ein „freier Mensch (Mann) “ zu sein.

  4. Werter Herr Militz,

    die Entscheidung Ihres Bruders kann ich sehr gut nachvollziehen. Dahinter steckt in meinen Augen die Frage, was man wirklich braucht. Auf diese Frage kann es nur sehr persönliche Antworten geben. Ihr Bruder hat offensichtlich erkannt, was er wirklich braucht – und was eben nicht. Genau das verstehe ich unter dem Begriff „Weisheit“.

  5. Danke für Deine Empathie, lieber Phil.
    Zur Frage nach dem „aktuellen Lebensmittelpunkt“ der im Kommentar ein wenig im diffusen Licht einer vermuteten Koketterie schimmert:
    Es geht gar nicht um Bescheidenheit, auch nicht um Genügsamkeit als Lebenskonzept. Vielmehr haben Lebenserfahrung und die Ratschläge eines weisen Lehrers recht früh dazu geführt, nicht nach Dingen zu streben, die einfach zu schwer oder überhaupt nicht erreichbar sein könnten. Diese werden uns vorgelebt, vorgegaukelt, als Maßstab offeriert – das ist halt ein kapitalistisches Konzept und dieses regiert eben die Welt. Als Künstler hast Du wenig Chancen, dieses Spiel mit zu bestreiten. Also überlasse den Anderen die Schnellstraßen zum Erfolg und begnüge Dich mit dem Fahradweg. Das mache ich seit über 40 Jahren und verteidige diesen Randstreifen so gut ich kann.
    Vor Kurzem waren wir in Dänemark und ich stellte amüsiert fest, daß dort die Radwege Mittelstreifen haben.
    Ich habe in meinem Leben keinen Cent ausgegeben, den ich nicht hatte, bin demzufolge völlig unverschuldet, also ein freier Mann.
    Ich schulde auch niemandem Dank, jedenfalls niemandem für eine materielle Unterstützung. Allerdings für brüderliche und schwesterliche Hilfe nach meiner Krebserkrankung. Danach habe ich meine Einsamkeit neu möbliert – und viele Schlösser demontiert.

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