»Berühmtestes Gedicht« stammt von einem Freimaurer

»Moon and red blue haze«. Lizenziert unter GFDL 1.2 über Wikimedia Commons.

»Moon and red blue haze«. Lizenziert unter GFDL 1.2 über Wikimedia Commons.

Lyrik hat in der Freimaurerei einen hohen Stellenwert und viele bekannte deutsche Dichter waren Freimaurer. Seit diesem Artikel in der »Welt« weiß ich endlich, dass auch das offenbar »berühmteste Gedicht« von einem Freimaurer stammt: Das »Abendlied« von Matthias Claudius (15.08.1740-21.01.1815), dessen Werk 200 Jahre nach dem Ableben seines Urhebers nun wieder in aller Munde ist. Das vermeintliche Lied ist besser bekannt durch seine erste Zeile (»Der Mond ist aufgegangen«) und ich hatte bislang immer gedacht, es wäre ein Kinderlied. Nachdem ich’s jetzt noch mal gelesen habe, weiß ich’s endlich besser. Es sind tröstliche Zeilen eines Menschen, der beim Betrachten des Mondes über »Gott und die Welt« sinniert:

Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle,
So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen? –
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste,
Und suchen viele Künste,
Und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, lass uns dein Heil schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
Nicht Eitelkeit uns freun!
Lass uns einfältig werden,
Und vor dir hier auf Erden
Wie Kinder fromm und fröhlich sein.

Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen
Durch einen sanften Tod!
Und, wenn du uns genommen,
Lass uns in Himmel kommen,
Du unser Herr und Gott.

So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott! Mit Strafen,
Und lass uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbarn auch!

Wer etwas mehr über den Dichter (am 12. August 1774 in die Hamburger Freimaurerloge »Zu den drei Rosen« aufgenommen) und sein Werk erfahren will, dem empfehle ich diesen Wikipedia-Artikel. Und wer Lust auf ein paar Gedichte zeitgenössischer Freimaurer hat, dem lege ich dieses PDF ans Herz.


Blog abonnieren per Facebook, Twitter oder Mail:

Schließe dich 504 anderen Abonnenten an

21. Januar 2015 von Philip Militz
Kategorien: Forschung, Geschichte, Presse, Medien | 3 Kommentare
__

Kommentare (3)

  1. Pingback: »Berühmtestes Gedicht« stammt von einem Freimaurer | Masoneria357

  2. Super, konnten heute morgen über dieses Lied gerade einen sehr interessanten Gottesdienst erleben.
    Sicher wußte der Pfarrer weiß, daß er über das Lied eines Freimaurers predigte.
    Überhaupt ist es schade, daß evangelische Pfarrer kaum Bereitschaft zeigen, sich eingehender über unsere KK zu informieren. Was könnte/sollte man dafür tun?
    Arthur Herzog

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: