Von Think Tanks und Brückenbauern: Axel Springer und sein »freimaurerisches Geheimnis« – ein ›prominentes Lehrstück‹?

Heute jährt sich zum 100. mal der Geburtstag eines der umstrittensten Unternehmer unserer Zeit. Auch zu diesem Anlass ist über Axel Springer wieder viel geschrieben worden. Das Bundesfinanzministerium hat dem Mann, der u. a. die BILD-Zeitung erfunden hat, sogar eine Sonderbriefmarke gewidmet. Aber wie schon im letzten Jahr vermutet wurde eines mal wieder nicht erwähnt (und auch der Verleger selbst hat m. W. nie offen drüber gesprochen): Axel Springer war Freimaurer. Er wurde 1958 in die Hamburger Loge »Die Brückenbauer« aufgenommen – eine ›Verbindung‹, die Verschwörungstheoretiker elektrisieren dürfte.

Die Loge »Die Brückenbauer« ist in der Geschichte der deutschen Freimaurerei ziemlich einzigartig: Sie wurde vor 60 Jahren bewusst als eine Art ›Think Tank‹ gegründet. Auslöser waren angeblich Mitte 1949 zwei Sätze des Bruders und damaligen Bundesjustizministers Thomas Dehler:

Es müssten »Wege gefunden werden, um die DIE Persönlichkeiten für den Bund zu gewinnen, die hohe Verantwortung in Staat und Wirtschaft trügen. Dies sei für das Land nach der Zeit des NS-Regimes notwendig.« wird Dehler im Gespräch mit Theodor Vogel, dem Initiator des ersten Dachverbands der Deutschen Großlogen, in einer Festschrift der Brückenbauer zitiert. Und weiter: »Wir müssen in den Aufbau der Bundesrepublik freimaurerisches Gedankengut einbringen. Am besten wäre, wir würden unsere Verantwortlichen in einer Loge zusammenschließen.«

1952/53 wurde dann genau zu diesem Zweck die Loge »die Brückenbauer« gegründet und Theodor Vogel zum Meister erkoren. Der umtriebige Freimaurer und Unternehmer arbeitete auch hier wieder außerordentlich effektiv und nahm die ›BRD-Prominenz‹ ins Visier:

1958 gelang Vogel der wahrscheinlich größte ›Coup‹: Die Aufnahme des Verlegers Axel Springer und des Vizepräsidenten des Weltärztebundes Dr. Ernst Fromm. Es folgten ein seinerzeitiger Opernstar namens Lawrence Winters, der FDP Bundesfinanzminister Fritz Dahlgrün sowie der Leiter der Deutschen Presseagentur und SPD-Bundestagsabgeordnete Fritz Sänger.

Die ursprüngliche Rechnung schien damit zunächst aufzugehen: Sänger soll bspw. angeblich bei der Erarbeitung des »Godesberger Programms« freimaurerische Ideen und Ideale eingebracht haben. Er wird jedenfalls in einem Festschrift-Artikel der Brückenbauer von Rolf Appel wie folgt zitiert:

»Ich habe versucht, die ethischen Gedanken der Freimaurerei ins politische Leben einzubringen. So ist etwas von dem, was ich bei den ›Brückenbauern‹ erfahren habe, in die Politik übertragen worden.«

Das scheint Sänger tatsächlich gelungen:

Mit dem Godesberger Programm bekannte sich die SPD von 1959 bis 1989 lt. Wikipedia u. a. zum »Grundgesetz« der jungen Bundesrepublik, zu »Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität« zur »christlichen Ethik, dem Humanismus und der klassischen Philosophie« als »ideengeschichtlichen Wurzeln«. Und weiter: »Krieg wird als Mittel der Politik abgelehnt. Eine ›internationale Rechtsordnung‹ solle das Zusammenleben der Völker regeln. (…) Jede Macht, auch wirtschaftliche Macht, müsse öffentlich kontrolliert werden, geschehe dies nicht, sei Demokratie ebenfalls gefährdet.«

Sätze, die sicherlich auch Axel Springer gutgeheißen hätte.

Inwiefern aber auch er sich bei seiner Arbeit von freimaurerischen Idealen leiten ließ, ist nicht offensichtlich dokumentiert.

Auffällig ist allerdings, dass der Kampf für Freiheit und die Suche nach allgemeingültigen Werten das zentrale Lebens-Thema des Verlegers wurde. Dabei ging er jedoch spätestens nach einer erschütternden Moskau-Reise im Januar ’58 (»Das zentrale politische Ereignis meines Lebens«) ziemlich ›verbissen‹ vor: Er stellte fortan seine gesamte Medienmacht in den Dienst seines ›Freiheits-Kampfes‹, was ihm mehr und mehr Kritiker einbrachte. Einer der schärfsten war anfangs noch sein Mistreiter: Der konservative Publizist Paul Sethe.

Springer hatte ihn 1955 zum Politik-Ressortchef seiner Tageszeitung »Die Welt« ernannt. Doch als sich der Verleger nach seiner Moskau-Reise mit seiner gesamten Presse-Armada auf ›Gegner‹ einschoss, zum Hardliner und »Kalten Krieger« wurde, probte Paul Sethe den Aufstand. Stereotypes schwarz-weiß Denken war dem renommierten Intellektuellen zuwider. Er wollte in der Phase des ›Tauwetters‹ lieber auf Dialog statt Konfrontation setzen. »Ich muss mich von Sethe trennen, er macht mir die Wiedervereinigung kaputt«, soll sich Springer damals laut einem Spiegel-Artikel notiert haben.

Sethe ging 1960 freiwillig von Bord, kam noch mal zurück, verließ Springers Polit-Flagschiff 1962 aber endgültig. Begründung: Das Gefühl für schriftstellerische Qualität, für die Individualität von Journalisten sei Axel Springer damals gänzlich abgegangen, er sei zum Propheten geworden, der Gehorsam fordert.

Zur Berühmtheit hat es aber vor allem dieser Satz gebracht: »Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten« – am 5. Mai 1965 in einem Spiegel-Leserbrief Sethes zu lesen! Und weiter: »Da die Herstellung von Zeitungen und Zeitschriften immer größeres Kapital erfordert, wird der Kreis der Personen, die Presseorgane herausgeben, immer kleiner. Damit wird unsere Abhängigkeit immer größer und immer gefährlicher.« Was Sethe wohl zu Berlusconi und Murdoch gesagt hätte? Jedenfalls sind es heute sicherlich weitaus weniger als »200 reiche Leute« – aber inzwischen gibt’s ja wenigstens das Internet mit seinen Bloggern!

Besonders interessant ist aber, dass Paul Sethe ausgerechnet Anfang der 60er ebenfalls bei den »Brückenbauern« aufgenommen wurde. Also just in dem Jahr, in dem er das erste mal Springers »Welt« verließ. Der Verleger hätte die Aufnahme mit einem »Nein« durchaus verhindern können: Über Interessenten wird traditionell anonym abgestimmt – es müssen eigentlich immer ALLE Brüder mit einer Aufnahme einverstanden sein.

›Bruder Paul‹ soll jedenfalls laut Brückenbauer-Festschrift einer der »anregendsten und belebendsten Teilnehmer der Colloquien« geworden sein – jenen institutionalisierten Logen-Gesprächsrunden, die auf Bitten Springers in sein Privathaus verlegt worden waren. Ob nun mit »anregend« und »belebend« vor allem Diskussionen zwischen Springer und Sethe gemeint waren, ist leider nicht überliefert – auch nicht, welche Auswirkungen der berufliche ›Bruder-Zwist‹ auf das Logenleben der Brückenbauer hatte, wohl aber, wie es mit der Loge weiterging:

»Das Schwergewicht der Logenveranstaltungen wandelte sich mehr und mehr auf die Colloquien, die Tempelarbeiten blieben zurück (…) Es fehlte die maurerische Substanz. Das einst so hochgesteckte Ziel, eine Brücke zu bauen, um die freimaurerischen Ideale in unserer Gesellschaft zu verankern, konnte nicht mehr verfolgt werden«, berichtete Rolf Appel 2002 als letzter Zeitzeuge in der 50er-Festschrift der Brückenbauer.

Und damit kommen wir auch zur Moral von der G’schicht:

1.) Man kann über Axel Springer (der als »Journalist, Freiheitskämpfer, Patriot und Gottsucher« in die Geschichte eingehen wollte) denken, was man will: Gerade weil er bis heute so umstritten ist, ist er auf jeden Fall eine der interessantesten Persönlichkeiten des letzten Jahrhunderts. Und genau das zeigt m. E. auch das obige ZDF Interview von 1982. Ob Axel Springer unterm Strich am Ende wirklich etwas bewegen konnte, ist schwer zu sagen: Manchmal scheint’s, als habe er einige der ›Geister‹, die er bekämpft hat, zum Teil selbst ›gerufen‹. Br. Paul Sethe würde vermutlich genau in diesem Punkt zustimmen. Aber es war nunmal eine unvorstellbar andere Zeit, weshalb ich mir kein Urteil erlaube.

2.) Wer Logen schon immer für Kungel-Clubs und Verschwörer-Zirkel gehalten hat, dürfte sich natürlich gerade durch die Gründungsjahre der ›Brückenbauer‹ bestätigt sehen – der mächtigste deutsche Verleger, der Chef der DPA, ein Bundesjustizminister und viele Politiker im selben Verein? Nasiehstewohl! Wohlwollendere Geister finden dagegen im beruflichen Bruder-Zwist Springer/Sethe nur eine weitere Bestätigung dafür, dass Freimaurerei tatsächlich erfolgreich »Einheit in Vielfalt« probt, unterschiedliche Menschen an einen Tisch und in gedanklichen Austausch bringt, ohne Gleichmacherei zu betreiben. Jedenfalls konnten sich der Publizist und der Verleger offenbar zumindest noch am Logen-Tisch auf Augenhöhe begegnen, obwohl sie es bereits ablehnten, ›Schreibtische‹ miteinander zu teilen.

Fazit: Es ist also auch heute wie damals: Jeder kann auch in Zukunft über Freimaurerei glauben was er will.

Ach ja, und apropos »glauben«:

Die den berühmt-berüchtigten Brüdern nachfolgenden ›Brückenbauer‹ glaubten offenbar zum 50jährigen, dass die Konzeption ihrer Loge als ›Think Tank‹ wohl doch kein Segen war. Noch einmal aus der offiziellen Festschrift der damals schon über 80jährige Zeitzeuge Rolf Appel:

»Wir haben daraus zu lernen. Für Freimaurerei darf nicht geworben werden. Freimaurerei ist auch keine Sache der Euphorie, wie begeistert wir auch sein mögen. Freimaurerei ist eine Sache der ständigen Pflege der Bruderschaft und eines beharrlichen Wachstums. Die Brüder Beamten [Anm.: die gewählten Ehrenamtsinhaber der Loge], denen das Vertrauen der Bruderschaft gegeben wurde, haben der Bruderschaft zu dienen, nicht, in dem sie lediglich das Ritual beherrschen, sondern indem sie es so vortragen, dass der einzelne Bruder (…) gerne wiederkommt. Je tiefer dabei in die Gründe des Rituals hinabgestiegen wird, desto gesünder ist die Loge. Aber zugleich dürfen gerade wir ein uns anvertrautes Erbe nicht vernachlässigen, das der Aufklärung, der Anwendung der Vernunft, und dass sich jede Behauptung der kritischen Vernunft stellen muss. (…) Aber auch das habe ich gelernt: Es gibt noch eine tiefere Wirklichkeit als die der Realität, eine höhere Weisheit, als Instruktionen zu vermitteln vermögen. Man kann sie gewinnen durch recht geübte und erlebte Freimaurerei. Die »Brückenbauer« bemühen sich hierum.«

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Dieses + neun weitere Freimaurer-Porträts gibt es in meinem Buch »Nicht von gestern: Freimaurer heute«.


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02. Mai 2012 von Philip Militz
Kategorien: Kritisches und Kritik, Portraits, Interviews, Videos, Fotos, Bilder | Schreibe einen Kommentar
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